Restless Legs Syndrom - der Horror

Restless Legs Syndrom - der Horror

Wenn man eine gute Gesundheit hat, dann weiß man diese meist erst dann zu schätzen, wenn sie durch irgendeinen Umstand nicht mehr gut ist. Jeder Mensch hat früher oder später irgendein Päckchen zu tragen. Die wenigsten Menschen kommen ohne große Wehwechen durchs Leben. Den wenigen sei es aber gegönnt.

Seit ca. 2002 leide ich unter dem Restless-Legs-Syndrom. Dieses Syndrom bzw. diese Erkrankung zeichnet sich dadurch aus, dass die Beine, und teils auch die Arme, in eine Unruhe geraten, die nur gestoppt werden kann, wenn die Gliedmaßen bewegt werden.

Bei mir hat sich das früher nur dann geäußert, wenn ich abends im Bett lag und nicht innerhalb der ersten 10 Minuten einschlafen konnte. Dann wurden die Beine unruhig. Das hatte die Form von Muskelreizungen. Als würden ganz schwache elektrische Ströme durch die Beine laufen und die Muskelfasern reizen. Wenn es arg wurde, dann wurden auch die Arme betroffen.

Das Resultat war, dass ich nicht in den Schlaf kam und somit teils massiv unter Schlafmangel leiden musste. Seinerzeit musste ich jeden Tag um 5.00 Uhr aufstehen und knapp 90 km zur Arbeit fahren. Wie ich das damals aushalten konnte, kann ich mir heute kaum noch erklären.

Behandlungen mit Magnesium hatten keinen Erfolg. Nur, um es mal gesagt zu haben.

Im Jahre 2004 erkrankte ich an einer Drepession. Meine damalige Hausärztin verschrieb mir, damit ich überhaupt zur Ruhe und in den Schlaf kommen konnte, ein Medikament. Den Namen kenne ich nicht mehr, aber in diesem Medikament war Dopamin enthalten. Bereits am ersten Abend nach der Einnahme dieses Medikaments konnte ich ohne Probleme einschlafen - und durchschlafen für 6 bis 8 Stunden. Für mich ist seitdem das Stoffwechselprodukt Dopamin, welches irgendwo im Gehirn produziert wird (oder auch nicht), ein Zauberwort.

Damals habe ich noch nicht gewusst, dass es wohl immer an der Minderproduktion von Dopamin liegen konnte, wenn ich in depressive Phasen bedingt durch Schlafmangel kam. Im Laufe der Jahre hatte ich immer wieder wellenartige Phasen, in denen ich überhaupt keine Probleme hatte und dann wieder wochenlang mit den unruhigen Gliedmaßen kämpfen musste.

Es ist zu lesen, dass die Belastung der Beine, z.B. durch Sport, eine Hilfe sein könnte. Damals habe ich das auch gedacht, aber nunmehr kann ich zumindest für mich feststellen, dass ich auch bei sportlichen Aktivitäten, wie z.B. lange Radtouren, bei denen die Beine doch arg strapaziert werden, abends unruhige Beine bekomme.

Im Jahre 2009 war ich wieder krank und wieder hatte Schlafmangel einen großen Anteil an meiner Erkrankung. Das seinerzeitige Medikament beinhaltete wieder Dopamin und ließ mich wiederum nach einigen Wochen ein Mensch sein. Denn ohne Schlaf ist man einfach nichts wert, antriebslos, motivationslos und im Grunde genommen lebensmüde. Alles ist einem zu viel und zu schwer. Der Alltag und das Arbeitsleben lassen sich kaum noch bewältigen.

Nun schreiben wir das Jahr 2021 und das Restless-Legs-Syndrom hat mich fester im Griff den je. Vielleicht ist es mittlerweile chronisch. Seit Sommer 2020 kämpfe ich jeden Tag (Nacht) ohne Unterbrechung gegen diese Unruhezustände an. Der Schlafmangel hat mich wieder in eine schwere drepressive Phase getrieben, zumal auch noch andere Lebens- und Berufsumstände nicht positiv waren. Diese konnte ich wegen meines Zustandes nicht mehr verarbeiten und bewältigen. Mein persönlicher Lockdown ab Mitte Juli 2020 - knockout!

Erst im November 2020 wurde mir dann ärztlicherseits geholfen. Solange hatte es gedauert bis ein Facharzttermin zustande kommen konnte. Meine jetzige Hausärztin hatte die Situation trotz meiner Erklärungen nicht wahrnehmen können oder wollen und mich quasi schlaflos gelassen. Trotzdem bin ich ihr sehr dankbar, dass sie mich bis zum Facharzttermin aus dem Verkehr gezogen hatte. Ohne ihrer Hilfe wäre das vielleicht ganz anders ausgeartet.

Auch war es jetzt wieder so, dass bereits am ersten Abend der Medikamenteneinnahme die Beine nicht mehr unruhig wurden. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich recht gut einschlafen, zumal das Medikament eine Müdigkeit verursachte. Es handelt sich um ein Parkinsonmedikament, nicht um ein Schlafmittel. In der Dosis, wie ich das Medikament nehme, soll es nicht süchtig machen (eine Tablette am Abend).

Was sich nicht geändert hatte, war die Schlafdauer. Wenn ich um 23.00 Uhr ins Bett ging, war ich um spätestens 3.30 Uhr wieder wach. Zu diesem Zeitpunkt, also Dezember 2020, war ich dann auch im Kopf wach. Der Wattekopf der letzten 9 Monate war weg, meine körperliche Verfassung wesentlich besser. Der kurze Schlaf schien mir nichts auszumachen. Ich war endlich wieder leistungsfähig und schien mich zu erholen.

Das änderte sich dann abrupt, als ich wieder ins Arbeitsleben zurück war. Vielleicht hätte ich es nicht forcieren sollen, aber ich wollte wieder arbeiten. Seit Februar 2021 arbeite ich wieder und seit dem ging es nur abwärts. Die guten 6 wochen von Ende November 2020 bis Mitte Januar 2021 waren die besten 6 Wochen der vergangenen 25 Jahre. Nie war ich so klar im Kopf und aufnahmefähig wie in dieser Zeit.

Mir stellt sich natürlich die Frage, ob ich überhaupt noch arbeitsfähig bin bzw. je wieder werden kann. Ich habe aktuell große Zweifel daran.

Mittlerweile ist es so, dass ich teils eine halbe Tablette mehr nehmen muss (ärztliche Anweisung), da es sein kann, dass die Beine unruhig werden - trotz Medikament. Bedeutet, 2 Stunden vor dem Schlafgehen eine Tablette und bei Bedarf eine halbe Tablette hinterher, wenn der Schlaf nicht eintritt und/oder die Beine unruhig werden.

Aber auch das ist dann kein Garant dafür, dass ich in den Schlaf komme. In den vergangenen Monaten habe ich mehrere schlaflose Nächte hinter mich bringen müssen. Nicht eine einzige Minute Schlafe war mir gegönnt. Müde ohne Ende, aber kein bisschen Schlaf. Als berufstätiger Mensch ist das echt eine Qual und mein Umherwandeln wie ein Zombie wird immer häufiger und extremer.

Bei meinem letzten Arztbesuch habe ich diesem Umstand beschrieben und darum gebeten etwas zu bekommen, damit ich schlafen kann. Aussage des Arztes: Es gibt keine Wundermittel. Denn jetzt sind es nur noch knapp 3 Stunden, die ich schlafe - dann wohl tief. Gehe ich um 23.00 Uhr ins Bett bin ich spätestens um 3.00 Uhr wieder wach. Aber nicht mehr mit klarem Kopf, sondern seit Monaten mit einer Matschrübe, die kaum zu beschreiben ist. Mein körperlicher Zustand ist erschreckend. Ich kann kaum noch etwas machen und bin schon bei der kleinsten Anstrengung fix und fertig. Mein Fahrrad-Hobby ruht zur Zeit, da ich keine Energie mehr habe.

Vom Arzt habe ich dann mit dem Hinweis, dass es keine Wundermittel gibt, Schlaftabletten für 10 Nächte bekommen. Noch nie im meinem Leben habe ich Schlaftabletten eingenommen. Die Wirkung war zunächst nicht wirklich spürbar für mich. Einschlafen konnte ich nicht gut und nicht schlecht. Von den 10 Nächten habe ich zwei Nächte nicht schlafen können trotz Schlaftablette und anderthalb Tablette vom Parkinsonmedikament. Der helle Wahnsinn.

Bedingt durch das Schlafmittel war meine Zubettgehzeit zwischen 22.00 Uh und 22.30 Uhr, denn es breitete sich eine enorme Müdigkeit in mir aus. Aber diese ließ mich nicht sofort einschlafen. Es ist weiterhin eine echte Quälerei. Dennoch hatte ich mich irgendwie erholen können und fühlte mich tagsüber wesentlich besser. Der Kopf war klarer, nicht mehr so wattig und dumpf. Und es war wesentlich mehr Energie in mir, so dass ich geplante Vorhaben auch durchführen konnte. Privat wie auch beruflich konnte ich ziemlich aufdrehen. Mit mehr (oder intensiverem) Schlaf ging es mir deutlich besser.

Die Schlafdauer lag zwischen 4 und 5 Stunden. Nicht viel, aber wohl genug, um mir eine gewisse Erholung zu geben. Seitdem ich keine Schlaftabletten mehr nehme, das ist jetzt seit 2 Nächten so, hat sich der alte Zustand wieder eingestellt. Ich schlafe trotz Parkinsonmedikament schlecht ein, die Nacht ist für mich um 3 Uhr zu Ende (nach knapp 3,5 Stunden Schlaf) und der Kopf wird wieder wattig und dumpf.

Mittlerweile ist es auch so, leider lässt sich nicht immer alles chronologisch erzählen, dass die Beine und Arme auch tagsüber unruhig werden. Wenn ich am Schreibtisch sitze und etwas lese, muss ich immer mit den Beinen in Bewegung sein, um das krampfartige Ziehen der Muskeln zu beseitigen. Wenn mir meine Frau etwas von ihrer Arbeit erzählt, bin ich immer mit den Händen beschäftigt und wackel mit den Beinen. Mir fällt das im ersten Moment nicht auf, aber mittlerweile fällt es meiner Frau auf. Ich kann nicht ruhig zuhören, sondern bin immer in Bewegung. Für eine Unterhaltung ist das nicht die beste Verhaltensweise.

Der geneigte Leser wird sich fragen, warum ich das so offen und freimütig erzähle. Denn genauen Grund vermag ich nicht zu sagen, aber ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die sich mit dem Restless-Legs-Sydrom herumplagen. Und ich möchte mehr oder weniger sagen, dass sie nicht alleine mit dem Problem sind.

Im Internet gibt es viele Artikel zu lesen, was das Restless-Legs-Syndrom ist, wodurch es entsteht und wie es sich auf den Menschen auswirkt. Von einer Heilung ist aber nie etwas zu lesen, sondern immer nur wie das Syndrom gelindert werden kann. Hier spielt wohl Vitamin B eine große Rolle, denn dieses Vitamin regt die Zellaktivierung/-regenerierung im Gehirn an. Und somit könnte auch rein theoretisch die Dopamin-Produktion wieder angeregt werden.

Ich habe Vitamin-B-Kur gemacht, kann aber nicht feststellen, dass sich etwas positiv verändert hat. Somit bleibe ich immer in dem Angstgefühl, wenn ich ins Bett gehe, dass ich nicht einschlafen kann und mir Nacht um die Ohren haue. Müdigkeit und Antriebslosigkeit sind meine festen Begleiter.

Schlafmangel ist ein nicht zu unterschätzender Mangel. Seit mehr als einem Jahr fahre ich kaum mit dem Auto, denn ich fühle mich selber unsicher. Nicht nur wegen meines Radpendlerdaseins verzichte ich auf das Autofahren, sondern eben auch wegen der Unsicherheit und der fehlenden Konzentration/Aufmerksamkeit.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die nächsten Wochen entwickeln werden. Noch scheine ich mich mit der gewonnen Energie der 10 Schlaftablettennächte aufrechthalten zu können. Aber wenn die Schlafdauer nicht länger wird als 3 Stunden, dann weiß ich genau, was dann wieder passiert: ich wandel wie ein Zombie durch die Gegend.

Sollte es da draußen Menschen geben, die ähnliches durchleben und erleben wie ich mit dem Restless-Legs-Syndrom, die dürfen sich gerne bei mir melden. Wer gute Tipps hat, ist herzlich eingeladen, mich zu kontaktieren. Von ärztlicher Seite kann ich irgendwie nicht mehr erwarten als die reine Medikamentengabe. Ein Supergau wäre eine Erwerbsunfähgkeit, denn wie lange ich das so aushalte, weiß de Kuckuck. Aber bis zur normalen Rente in vielleicht 10 Jahren werde ich es so nicht schaffen.

Dabei wurde mir noch nicht mal die Frage beantwortet, ob das Restless-Legs-Syndrom ein Vorbote einer aufkommen Parkinsonerkrankung sein könnte. Dieses ist nämlich laut einiger Artikel, die ich lesen konnte, durchaus möglich und nicht von der Hand zu weisen. Eine sehr beunruhigende Situation, denn alle Zeichen deuten in diese Richtung - insbesondere die Unruhezustände auch tagsüber.

Seitdem mich die unruhigen Beine kaum noch loslassen und der Schlafmangel Überhand genommen hat, ergeben sich auch andere Einschränkungen. War ich früher eine Leseratte, so kann ich heute nicht mehr lesen. Sobald ich längere Texte lesen muss, werde ich unruhig. Das Schreiben dieses Artikel verlangt mir viel Energie ab. Einen solche Artikel hätte ich vor 3 Jahren noch so aus dem Bauch heraus heruntergetippert. Nun sitze ich seit fast 2 Stunden daran, den länger als eine Minuten kann ich meine Gedanken nicht in die Tastatur bringen. Eine Pause von 10 bis 15 Sekunden ist notwendig, damit ich nicht komplett aus der Haut fahre.

Die Auswirkungen von depressiven Phasen in meinem Leben, das Restless-Legs-Syndrom und die Schlafproblematik haben mir sehr viel Lebensqualität genommen. Ich schaffe es kaum, mich noch über etwas zu freuen. Und wenn doch, dann bekomme ich ganz schnell einen Dämpfer verpasst. Darüber bin ich sehr traurig.

Wer will, darf sich gerne bei mir melden. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Jopii, 15.08.2021